Verbrechen und Strafe

Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, hängt auch vom Lebensstil ab, so eine neue Publikation zum Thema Kriminalität.

07.03.2016 · HP-Topnews · GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften

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Kriminalität ist das Thema der aktuellen Ausgabe des Informationsdienstes Soziale Indikatoren ISI 55. Er zeichnet die Entwicklung von Verbrechen und Strafe im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts bis heute nach und zeigt den Aufschwung von Internet-Kriminalität. Bei der Interpretation der Daten des Viktimisierungssurveys 2012 gerät außerdem die fehlende Übereinstimmung von der Angst vor Kriminalität und dem tatsächlichen Risiko, Opfer eines Verbrechens zu werden deutlich ins Blickfeld. Außerdem interessant: die Wahrscheinlichkeit von einer Straftat betroffen zu werden hängt auch vom Lebensstil einer Person ab.

Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht zeichnet in einer längsschnittlichen Studie der deutschen Kriminalstatistik die Entwicklung von Verbrechen und Strafe in den letzten hundert Jahren nach und kommt zu interessanten Einsichten. So zeigt sich eine deutlich ansteigende polizeilich registrierte Kriminalität, bei dennoch weitgehend stabilen Verurteiltenraten, was klar auf einen veränderten Umgang mit Straftätern schließen lässt. Tatsächlich zeigt sich eine Liberalisierung des Strafrechts und ein Trend zur informellen Behandlung von Straftätern seit den 1970er Jahren, der dazu führt, dass der Anteil der Strafverfahren, die bereits von der Staatsanwaltschaft häufig gegen Geldbußen, Sozialstunden oder andere Auflagen eingestellt werden, von einem früher sehr kleinen auf 57% in 2012 angestiegen ist; im Jugendstrafrecht beträgt dieser Anteil heute sogar 71%.
Als Massendelikt schlechthin über die letzten hundert Jahre bis heute stellt Oberwittler den Diebstahl heraus. Als Ursachen für Eigentumsdelikte nennt er Armut, aber insbesondere auch bestehende Gelegenheiten, Diebstähle zu begehen. Während im 19. Jahrhundert vor allem der Holzdiebstahl die Kriminalstatistiken belastete, rückte nach dem zweiten Weltkrieg und dem darauf folgenden Wirtschaftswunder der Diebstahl von Wertgegenständen in den Fokus der Strafverfolgung. Seit zwei Jahrzehnten lässt sich eine deutliche Verlagerung von Diebstahls- hin zu Betrugsdelikten feststellen. Dies mag zum einen daran liegen, dass Wertgegenstände heute besser gesichert sind als früher, d.h. die Tatgelegenheiten sich verringert haben. Die Verlagerung spiegelt aber auch den Wandel der Industriegesellschaft hin zu einer Dienstleistungs- und Internetgesellschaft wieder. So hat sich das Massendelikt Ladendiebstahl ab 1993 etwa halbiert, KFZ-Diebstähle und Raubüberfälle auf Banken, Postfilialen und Werttransporte erreichten 2013 nur noch rund 20% des Niveaus zwei Jahrzehnte zuvor. Auch die Häufigkeit von Wohnungseinbrüchen hat sich nach 1993 innerhalb von zehn Jahren halbiert (ist seither allerdings wieder angestiegen). Demgegenüber sind für „moderne“ Formen der Bereicherungskriminalität wie Warenkreditbetrug und Computerkriminalität deutliche Steigerungen von 300% bzw. 600% zu registrieren. Mit der Ausweitung des Internets entwickelt sich die „Cyberkriminalität“ zu einer neuen Gefährdung.

Dina Hummelsheim-Doß, ebenfalls vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, untersucht in ihrer Auswertung der Daten des Viktimisierungssurveys 2012 die kriminologische Tatsache, dass die objektive Sicherheitslage und das subjektive Sicherheitsgefühl nur sehr bedingt miteinander zusammenhängen. D.h. es gibt deutlich mehr Menschen, die sich vor Kriminalität fürchten als tatsächliche Opfer von Straftaten. Die Ergebnisse der Analysen zeigen, dass sich zwar eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung recht sicher fühlt, jedoch beinahe jeder Fünfte fürchtet, Opfer einer Straftat zu werden. Insgesamt 17% fühlen sich nachts in ihrer Wohngegend unsicher, davon 5% sogar sehr unsicher. Knapp 17% sind beunruhigt, geschlagen und verletzt zu werden. 19% befürchten einen Wohnungseinbruch, 18% einen Raubüberfall und 14% eine sexuelle Belästigung. Betrachtet man die betroffenen Personengruppen, wird ersichtlich, dass kriminalitätsbezogene Unsicherheitsgefühle sehr ungleich in der Bevölkerung verteilt sind. Insbesondere Frauen fühlen sich unsicher, obgleich sie ein geringeres Risiko aufweisen als Männer, Opfer einer Straftat zu werden. Diese Wahrnehmung veranschaulicht das Kriminalität-Furcht-Paradox, welches das Phänomen beschreibt, dass Kriminalitätsfurcht am stärksten bei Personengruppen auftritt, die am wenigsten von Kriminalitätsrisiken betroffen sind, wie z.B. Frauen und ältere Menschen. Dies unterstreicht: Unsicherheitsgefühle entstehen vor allem dann, wenn Menschen sich selbst als verletzbar bzw. physisch unterlegen wahrnehmen und nicht zwangsläufig auf der Basis von kriminalstatistischen Fakten.

Ein wichtiger Faktor für das Aufkommen von Ängsten ist auch der soziale Status einer Person. Abgesehen von der Angst vor Einbruchsdelikten zeigen Menschen mit größerem Einkommen und höherem Bildungsabschluss weniger Unsicherheitsgefühle als Personen mit niedrigerem Bildungsabschluss und Einkommen.

Des Weiteren hat die Wohnumgebung, d.h. das soziale aber auch bauliche Gefüge von Wohngebieten, Stadtteilen oder Nachbarschaften Einfluss auf das Gefühl von Unsicherheit. Je nach Zustand suggerieren sie dem Beobachter einen Mangel an sozialer Kontrolle und den Verfall von gemeinsamen Werten und Bindungen und werden daher häufig mit Kriminalität in Verbindung gebracht. So werden städtischere Gebiete im Allgemeinen als furchteinflößender als weniger urbane Wohnorte empfunden. Dies liegt zum einen daran, dass die faktische Kriminalitätsbelastung in Städten in der Regel auch tatsächlich größer ist. Zum anderen weisen städtische Wohngebiete aber auch in stärkerem Maße Merkmale von sozialer und physischer Verwahrlosung auf.

Interessanterweise – und gerade im Hinblick auf die momentane politische Situation bedeutsam – zeigt sich, dass Ostdeutschland gegenüber den alten Bundesländern eine deutlich verstärkte Kriminalitätsfurcht aufweist. Aber auch Menschen mit ausländischer Herkunft fühlen sich nicht nur unsicherer als Deutsche, wenn sie nachts in ihrer Wohngegend unterwegs sind, sondern weisen auch bei Straftaten wie Körperverletzung, Wohnungseinbruch, Raub und sexueller Belästigung größere Besorgnis auf als ihre deutschen Mitbürger.

Anschließend an das Phänomen der Furcht vor Kriminalität sucht im dritten Artikel des ISI Christoph Birkel vom Bundeskriminalamt, ebenfalls auf der Basis des Viktimisierungssurveys 2012, nach Faktoren, die dazu beitragen, dass bestimmte Personengruppen mit größerer Wahrscheinlichkeit Opfer einer Straftat werden als andere. Dabei kommt er zu der Erkenntnis, dass im Tatbereich der Körperverletzung Menschen, die bereits Opfer einer Straftat wurden, tendenziell erneut in die Opferrolle geraten. Vor allem zwei Aspekte scheinen hier von Bedeutung: Zum einen scheint es Personengruppen zu geben, die aufgrund bestimmter Merkmale generell über ein konstant überdurchschnittliches Opferrisiko verfügen. Zum anderen spielt auch eine Rolle, dass durch ein erstes Ereignis die Verwundbarkeit einer Person offenkundig wurde und es daraufhin zu erneuten Straftaten kommt.

Als weitere Risikofaktoren nennt Birkel Alter, Freizeitverhalten und Bildungsstand einer Person. So haben junge Menschen, die häufig abends ausgehen ein deutlich höheres Viktimisierungsrisiko als ältere Menschen, die den Abend zu Hause verbringen. Das höhere Opferrisiko junger Menschen setzt er damit in Verbindung, dass sie zumeist eine generell höhere Risikobereitschaft aufweisen, aber auch damit, dass sie ein besonders intensives Sozialleben pflegen und daher auch stärker in Kontakt mit potentiellen Betrügern stehen. Durch den abendlichen Besuch von öffentlichen Gaststätten begegnen ihnen häufiger mögliche Straftäter, die Gefahr bestohlen zu werden nimmt zu und die Möglichkeit eines Einbruchs während der Abwesenheit steigt. Weiterhin sind der Bildungsgrad und die berufliche Einbindung von Bedeutung. Insgesamt weisen junge Männer mit mittlerer Reife, die arbeitslos sind und – im Vergleich zu Personen, die das nur einmal im Monat tun – mehrmals in der Woche abends ausgehen ein erhöhtes Risiko auf, Opfer von Straftaten zu werden.

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