Niederländische Zeichnungen

Die Zeichnung - Schaubild der Inspiration des Künstlers, relevant für den Schaffensprozess aller Künste. Mit rund 80 Werken widmet sich eine neue Ausstellung ihrer besonderen Rolle in der Kunst.

01.03.2016 · HP-Topnews · Germanisches Nationalmuseum

Bild: Germanisches Nationalmuseum

Sonderausstellung vom 18. Februar bis 22. Mai 2016 

Zeichnungen – bei keinem anderen Medium ist man dem Künstler näher. Diese herausragende Rolle spiegelt auch der Bestand an niederländischen Zeichnungen des 15. bis 18. Jahrhunderts in der Graphischen Sammlung des Germanischen Nationalmuseums. Rund 80 Blätter sind ab 18. Februar 2016 zum ersten Mal in einer Sonderausstellung öffentlich zu sehen. Sie spannen den Bogen von Arbeiten eines Jan van Eyck-Nachfolgers bis zu den Dekorationsentwürfen des Jacob de Wit. 

Die Ausstellung gliedert sich in sieben Bereiche. 

1. Frühe niederländische Zeichenkunst des 15. und 16. Jhdts

Die Präsentation beginnt mit drei seltenen Werken der niederländischen Zeichenkunst des 15. Jahrhunderts. Die Motive sind religiös geprägt. Einzigartig ist die „Madonna mit dem Kind und Stifter“, bei der es sich um eine Silberstiftzeichnung handelt nach der Mitteltafel eines von Jan van Eyck gemalten, heute verschollenen Triptychons. Der Künstler des kostbaren Blattes ist nicht bekannt. Zeichnungen entstehen in dieser Zeit meist anonym, in der Regel als Kopien nach anderen Kunstwerken, die als Vorlagen für neue Kompositionen verwendet wurden. Als eigenständige Kunstwerke gelten Zeichnungen (noch) nicht. 

2. Niederländer in Deutschland und Prag

Der zweite Bereich beginnt mit einem Spottblatt auf die römisch-katholische Kirche. Ende des 16. Jahrhunderts standen die protestantisch geprägten Nördlichen Niederlande gegen den katholischen Süden. Die religiösen Konflikte und kriegerischen Auseinandersetzungen des Achtzigjährigen Krieges ließen viele niederländische Künstler ihre Heimat verlassen. Ihre Zeichnungen spiegeln die veränderte Lebenssituation: Neue Themen entstehen, an die Stelle religiöser Motive treten Darstellungen der heimischen Landschaft.

Einer der bedeutendsten und einflussreichsten Künstler des ausgehenden 16. Jahrhunderts ist Bartholomeus Spranger, der für seine schwebenden Figuren in exaltierten Posen bewundert wird. Zahlreiche Künstler ahmen seine Mal- und Zeichenweise nach, Spranger wird stilbildend in ganz Europa. Die Schattenseite dieses Ruhms spüren graphische Sammlungen bis heute: Groß ist die Anzahl an Blättern, bei denen die Zuschreibung an Spranger fraglich ist. Der „Fliegende Amor“ zählt zu den wenigen gesicherten Zeichnungen von seiner Hand.

3. Der Einfluss Pieter Bruegels d.Ä. 

Um 1600 erfährt die Kunst Pieter Bruegels nicht nur in den Niederlanden großen Zuspruch, es herrscht eine regelrechte „Bruegel-Manie“. Darstellungen von Bauernhochzeiten sind populär, wovon in der Ausstellung das Blatt „Hochzeitszug zur Kirche“ zeugt. Mit einer Länge von rund 80 cm ist die aus zwei Blättern bestehende Arbeit ungewöhnlich groß. War sie eventuell als preiswerte Alternative für ein Gemälde gedacht?

4. Das Goldene Zeitalter | Flämische Zeichnungen

Der vierte und fünfte Themenkomplex widmet sich dem „Goldenen Zeitalter“ der niederländischen Kunst, dem 17. Jahrhundert. Nie zuvor hatte die Kunstproduktion eine solche Blüte erfahren. Nach dem Ende des Achtzigjährigen Kriegs trennten sich die weithin protestantischen Provinzen Hollands von dem überwiegend katholischen Flandern im Süden. Seither unterscheidet auch die Kunstgeschichte zwischen flämischer und holländischer Kunst.

5. Das Goldene Zeitalter | Holländische Zeichnungen

Bemerkenswert bei den holländischen Zeichnungen ist die reiche Vielfalt der Themen und die hohe Spezialisierung der Künstler: Landschaften, Genreszenen, Porträts, Stillleben und Historien – alles ist vertreten. Für Figurenstudien wird vermehrt mit lebenden Modellen gearbeitet, die in unterschiedlichen Haltungen posieren. Der „Sitzende Bauer“ von Cornelis Dusart ist ein exquisites Beispiel. Eine Besonderheit ist der hohe Ausführungsgrad, der das Blatt als eigenständiges Kunstwerk ausweist. Ein Markt für Zeichnungen entsteht.

Rembrandt als einer der bekanntesten niederländischen Künstler des Barock begeistert mit seinem lockeren Rohrfederstrich und furiosen Schraffuren. Er war nicht nur ein herausragender Zeichner, sondern auch ein einflussreicher Lehrmeister. Als Hommage präsentiert die Ausstellung eine Auswahl an nach seinem Vorbild entstandenen Arbeiten.

Von den Niederlanden als bedeutendster See- und Handelsmacht zeugen imposante Schiffs- und Marinedarstellungen. Als kulturhistorisches Museum zeigt das Germanische Nationalmuseum außerdem architektonische Konstruktionszeichnungen von Befestigungsanlagen in Batavia (Jakarta), der Hauptstadt der Kolonie Niederländisch-Indien, die ebenfalls die wirtschaftlichweltpolitische Rolle der Niederlande hervorheben.

6. Das 18. Jahrhundert

Bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts macht sich in den Niederlanden zunehmend der Einfluss des französischen Klassizismus bemerkbar. Aus Frankreich übernommen wird etwa die Mode einer einheitlichen Raumausstattung für gehobene Wohnhäuser mit aufwendigen Decken- und Wandmalereien. Als einer der führenden Vertreter dieser dekorativen Malereien gilt Jacob de Wit, von dem reizvolle Entwürfe zu sehen sind. 

7. Kopien nach Gemälden, Zeichnungen und Kupferstichen

Der letzte Bereich stellt Kopien nach Gemälden, Zeichnungen und Stichen den Vorlagen gegenüber. Kopien verdeutlichen eine der wichtigsten Aufgaben der Zeichnung: Das Trainieren der Kunstfertigkeit. Schülern und Lehrlingen in Werkstätten und Akademien standen Zeichenbücher mit „Musterblättern“ zur Verfügung, an denen sie ihr Talent schulten. 

Damit thematisiert die Ausstellung nicht nur die Vielfalt der Themen und Techniken niederländischer Zeichnungen, sondern auch ihre verschiedenen Funktionen: von der Skizze über den Entwurf und das autonome Blatt bis hin zur Zeichenübung. 

Weitere Informationen zur Ausstellung

Kontakt

Dr. Sonja Mißfeldt
Leiterin des Referats Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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