Flüchtlingsintegration: Was die Vergangenheit lehrt

Aus der Integration von Vertriebenen nach dem 2. Weltkrieg lassen sich Schlüsse für den Umgang mit Flüchtlingen heute ziehen – auch wenn beide Fluchtbewegungen sehr unterschiedlich sind.

21.03.2016 · Institut für Weltwirtschaft · News

Zu dieser Einschätzung kommt Sebastian Braun, Leiter des Forschungsbereiches Globalisierung und Wohlfahrtsstaat am Institut für Weltwirtschaft (IfW), der die Flüchtlingsbewegung nach dem 2. Weltkrieg analysiert hat. Zwar sei die Erfahrung mit Vertriebenen nicht auf die heutige Situation übertragbar. „Dennoch lassen sich gerade wegen dieser großen Unterschiede wertvolle Erkenntnisse für den Umgang mit den Flüchtlingen in Deutschland und die Erwartungen an ihren Integrationserfolg gewinnen“, sagte Braun.

Schlechtere Chancen trotz identischer Bildung und Sprache

Wesentlicher Unterschied zwischen den Flüchtlingsgruppen ist demnach das Sprach- und Bildungsniveau. „Während viele der heute Flüchtenden nur unterdurchschnittlich qualifiziert sein dürften, waren schulische Bildung und berufliche Qualifikation von Vertriebenen und nichtvertriebenen Westdeutschen nach dem 2. Weltkrieg beinahe identisch, zudem hatten Vertriebene und Einheimische dieselbe Muttersprache“, so Braun.

Dennoch verdienten die Vertriebenen noch 1971 unterdurchschnittlich, hatten weniger Vermögen und geringere Chancen, einen eigenen Betrieb zu besitzen, als die einheimische  Bevölkerung. Insbesondere in den 1950er Jahren waren die Vertriebenen – gerade in Regionen mit hohem Vertriebenenanteil – auch besonders häufig arbeitslos. Erst ihre bereits in Westdeutschland geborenen Kinder hatten ähnlich gute Startchancen wie die Kinder der nichtvertriebenen Westdeutschen. Braun: „Da die jetzigen Flüchtlinge teilweise deutlich schlechtere Voraussetzungen mitbringen, als die Vertriebenen von damals, wird Integration heute erst recht sehr viel Zeit brauchen.“

Keine negativen Beschäftigungseffekte für Einheimische zu erwarten

Die Bereitschaft zur Mobilität hielt bei den Vertriebenen auch nach Ankunft in Westdeutschland an. Um Arbeit zu finden, verließen viele die ländlichen Gebiete wieder, in denen sie zunächst untergebracht waren, und zogen in die industriellen Zentren im Westen und Südwesten Deutschlands. Noch in den 1960er Jahren lag die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vertriebener den Wohnort wechselte, doppelt so hoch wie die entsprechende Wahrscheinlichkeit der nichtvertriebenen Westdeutschen. „Vor diesem Hintergrund erscheint es unrealistisch, dass die Flüchtlinge von heute den Bevölkerungsschwund im ländlichen Raum stoppen können. Sobald sie die Möglichkeit haben, werden viele von ihnen ihr Glück in den Städten suchen, ähnlich wie die Vertriebenen vor 70 Jahren“, so Braun.

Auswirkungen auf die Arbeitsmarktchancen der Einheimischen sind dennoch kaum zu erwarten. Kurzfristig hatte der Zustrom der Vertriebenen nur dort nennenswerte Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit der Einheimischen, wo der Vertriebenenanteil mehr als 15 Prozent betrug. Bis zu diesem Schwellenwert waren praktisch keine Effekte auf die einheimische Arbeitslosigkeit erkennbar. Braun: „Dieses Ergebnis überrascht, da Vertriebene und Einheimische aufgrund ihrer sehr ähnlichen Ausbildung vielfach direkte Konkurrenten auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt waren. Da die Flüchtlinge heute deutlich schlechter qualifiziert sind und zudem noch erhebliche sprachliche Defizite haben, dürfte der derzeitige Flüchtlingsstrom kaum negative Beschäftigungseffekte für die einheimische Erwerbsbevölkerung mit sich bringen.“

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