Der Fluchtgrund zählt

Was bestimmt die Haltung der Deutschen gegenüber Flüchtlingen? In einer Umfrage wurden 1.500 Personen gebeten, anhand fiktiver Profile zu entscheiden, ob Asyl gewährt werden soll.

31.03.2016 · HP-Topnews · Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Foto: UN Photo/Shareef Sarhan/flickr.com

Neun von zehn Deutschen sind dafür, politisch Verfolgten Asyl zu gewähren. Mehr als die Hälfte sind bereit, auch Asylsuchende aufzunehmen, die ihr Land wegen der schlechten Wirtschaftssituation verlassen haben. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter 1.500 Menschen, die Teil der großen "Vermächtnis"-Studie der ZEIT, des WZB und des Sozialforschungsinstituts infas ist. Gefragt wurde nach der Akzeptanz von Flüchtlingen, differenziert nach Fluchtursache (politische Verfolgung/schlechte Wirtschaftssituation), dem Glauben (christlich/muslimisch) und dem Bildungsstand. Die Religion der in Deutschland Schutz suchenden Personen hatte zum Zeitpunkt der Befragung zwischen Mitte November und Anfang Dezember 2015 einen vergleichsweise geringen Einfluss auf die Einstellungen zum Asylgesuch. 

Was bestimmt die Haltung der Deutschen gegenüber Flüchtlingen – ökonomisch-rationale oder kulturell-symbolische Überlegungen? In einer repräsentativen Umfrage wurden 1.500 Personen gebeten, fiktive Profile von Flüchtlingen zu lesen und zu entscheiden, ob Asyl und Unterkunft gewährt werden soll. Geschlecht, Religion, Bildungsstand und Fluchtgrund wurden für das Experiment unterschiedlich kombiniert. Die Studienteilnehmer unterstützten Anträge, die mit politischer Verfolgung argumentierten, und zwar ohne Ansehen von Religion, Geschlecht und Bildung.  Die Unterstützung war sehr viel geringer, wenn die Flucht wirtschaftliche Gründe hatte.

Wie sind die Ergebnisse einzuordnen? Zunächst zeigt sich Deutschland als ein offenes Land, in dem neun von zehn Bürgern politisch Verfolgten Asyl gewähren möchten und auch einer Unterbringung dieser Menschen an ihrem Wohnort positiv gegenüber stehen. Damit reflektiert das Umfrageexperiment auch das in Deutschland geltende Recht, demzufolge nur politisch Verfolgten Asyl gewährt werden kann. Der Fluchtgrund zählt: Im Vergleich zur außerordentlich positiven Haltung gegenüber politisch Verfolgten sinken die Zustimmungswerte der Befragten auf 52 Prozent, wenn es sich um Menschen handelt, die vor wirtschaftlicher Not geflohen sind. Die Zustimmungswerte sinken deutlich, wenn diese Personen zudem keine Berufsausbildung und dadurch schlechtere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben. Die Religion der in Deutschland Schutz suchenden Personen hingegen hatte einen vergleichsweise geringen Einfluss auf die Einstellungen zum Asylgesuch der Person und zur Unterbringung am Wohnort der Befragten.

Weitere Informationen

Die Ergebnisse der Studie sind in den gerade erschienenen WZB-Mitteilungen nachzulesen. Den Artikel finden Sie hier (PDF).

Zum Beitrag auf ZEIT online.

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