Hitler, Mein Kampf. Die Arbeit an der Edition

Drei Jahre arbeiteten Historiker an der vollständigen Kommentierung von Hitlers Kampfschrift. Wie empfanden die Wissenschaftler den Forschungsprozess? Ein Gespräch.

07.01.2016 · Institut für Zeitgeschichte München - Berlin · Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam · HP-Topnews

Foto: IfZ

Am 8. Januar 2016 stellt das Institut für Zeitgeschichte in München die kommentierte Gesamtausgabe: "Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition" vor. Gut drei Jahre haben Historikerinnen und Historiker des Instituts unter Leitung von Christian Hartmann an einer vollständigen Kommentierung gearbeitet. Der Zeitdruck, unter dem sie dabei standen, war enorm - das Urheberrecht im Besitz des Freistaates Bayern erlosch am 1. Januar 2016.

Thomas Vordermayer war als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Editionsprojekt beteiligt. Annette Schuhmann vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam hat mit ihm über die Organisation des Forschungsprozesses gesprochen, über persönliche Eindrücke, eine mögliche ironische Distanz – und darüber, wie man als Wissenschaftler damit umgeht, auf ewig mit dem Titel „Mein Kampf“ in Verbindung gebracht zu werden. Das vollständige Interview finden Sie hier

  • Annette Schuhmann: Seit wann haben Sie an der Edition mitgearbeitet?

Thomas Vordermayer: Seit August 2012. Es gab damals jedoch bereits Vorarbeiten. Allerdings wurde das Projekt im Sommer 2012 durch Christian Hartmann, dem Projektleiter, komplett neu konzipiert. Realistisch betrachtet, ist das Projekt daher 2012 nahezu bei null gestartet.

  • Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der jetzt vorliegenden kommentierten Ausgabe schwankte zwischen zwei und sechs. Die ganze Bearbeitung, sprich Kommentierung, dauerte drei Jahre. Das klingt nach Tag- und Nachtschicht?

Von Anfang an war die Zeit der größte Druckfaktor, schließlich ließ sich der Termin der Veröffentlichung, der an das Ende des Urheberrechts gebunden war, nicht verschieben. Es war immer klar, in dem Moment, wo das Urheberrecht ausläuft, muss das Produkt, muss eine wissenschaftlich kommentierte Referenzausgabe, fertig sein. Keinesfalls sollte die Edition erst im Herbst auf den Markt kommen, wenn die öffentliche Debatte bereits vorbei oder stark abgeflaut sein wird.

  • Wie haben Sie den Arbeitsablauf organisiert?

Die 27 Kapitel des Buches wurden auf die Mitarbeiter als Erstbearbeiter verteilt. War die Erstkommentierung eines Kapitels fertig, kam sie in einen Korrekturkreislauf, wurde also von allen Mitarbeitern durchgearbeitet. Daraufhin wurden Ergänzungen und Diskussionspunkte festgelegt, die dann, falls nötig, in den regelmäßigen Besprechungen diskutiert und entschieden wurden.

  • Wenn 27 Kapitel an verschiedene Mitarbeiter verteilt werden, entstehen dann nicht große Schwankungen im Sprachstil und Unterschiede in der Form der Kommentierung? Schließlich haben wir alle unterschiedliche Interessen, die uns durch die Forschung leiten und uns motivieren. Wie sah der Verständigungsprozess im Hinblick auf die inhaltlichen Fragen aus?

Christian Hartmann gab als Projektleiter in all diesen Fragen eine klare Linie vor. Der Anspruch war stets, Hitler beim Wort zu nehmen, Zeile für Zeile kritisch zu prüfen und jeder Behauptung nachzugehen, unabhängig vom Rechercheaufwand. Wir haben uns also nicht nur einige wenige zentrale Abschnitte angesehen und diese kommentiert. Das wäre aus unserer Sicht ein falsches Signal gewesen, auch wenn zu Beginn der Arbeit von einem externen Wissenschaftler durchaus die Forderung kam, lediglich eine solche Textauswahl zu kommentieren. Alles andere lohne den Aufwand nicht. Wir fanden diese Idee aber sehr problematisch, dadurch wäre der Mythos um das Buch nur weiter genährt worden.

  • Gibt es nun, am Ende Ihrer Arbeit, neue Erkenntnisse zur Biographie Hitlers? War er lediglich ein geschickter Plagiator, der sich bei seinen Vorbildern einfach nur bediente, deren These kompilierte?

Für die frühen Jahre Hitlers in Österreich gibt es kaum etwas Neues, da sind alle wichtigen Quellen bereits bekannt. Die herausragende Arbeit von Brigitte Hamann bleibt hier die Referenz. Anders sieht es für die Frühgeschichte der NSDAP aus, hier würde ich sogar ein klares Forschungsdesiderat sehen. Gerade für die Jahre 1920 bis 1923 haben wir einiges Neues herausgefunden, etwa bezüglich Hitlers Behauptung, er allein habe die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) modernisiert und in der NSDAP alle wichtigen Hebel bedient. Wir zeigen, welche Personen in Wirklichkeit noch eine wichtige, ja teilweise wichtigere Rolle gespielt haben als Hitler. Wir haben zudem Hitlers Äußerungen gegenüber seinen frühen Gegnern eingehend analysiert. Dazu wurde unter anderem in aufwendiger Sichtungsarbeit die sozialdemokratische Münchener Post, Hitler nannte sie „Münchener Pest“, durchgearbeitet. Wir haben die Zeitung Ausgabe für Ausgabe ausgewertet, da Hitler in einem Kapitel sehr ausführlich auf sie eingeht und sie heftig attackiert. Es war sehr spannend nachzuzeichnen, wie die sozialdemokratische Presse schon sehr früh die Aktivitäten der NSDAP beobachtet und kommentiert hat, zum Teil sehr hellsichtig, zum Teil aber auch polemisch.

  • Christian Hartmann hat in einem Interview im Magazin der Süddeutschen Zeitung erwähnt, dass ihn die Gewalttätigkeit der Sprache sehr erstaunt und abgestoßen hat. Ich dachte, das sei inzwischen bekannt, zumindest unter Experten. Ist diese Sprachform auch im zeithistorischen Kontext auffallend gewalttätig? Oder erscheint sie uns im Rückblick so erschreckend?

Hitler schreibt einen Text, der weder stilistisch noch inhaltlich originär ist. Dazu nutzt er die sprachlichen, auch massenpsychologisch inspirierten Stilmittel seiner Zeit. Es gibt viele Redundanzen und eine brachiale, gewalttätige Sprache. Das ist natürlich schlechter Stil, ein Stil jedoch, der viele politische Kampfschriften der Zeit prägte. Das gilt auch für den rigiden Nominalstil von „Mein Kampf“. Was Christian Hartmann vielleicht meinte, ist die Tatsache, dass in „Mein Kampf“ ganz konkrete Gewalttaten angekündigt werden. Das ist durchaus überraschend, wenn man sich den biografischen Hintergrund Hitlers während der Arbeit an seinem Buch vor Augen führt. Hitler war damals als österreichischer Staatsbürger von Ausweisung bedroht, was seine politische Karriere sehr wahrscheinlich beendet hätte. Vor diesem Hintergrund hält sich Hitler in „Mein Kampf“ oft sogar zurück und spart etwa die Ereignisse um den Novemberputsch komplett aus. Ganz entgegen der Lesererwartung übrigens. Die Zeitgenossen kannten Hitler vor allem als gescheiterten Putschisten. Doch das Bedürfnis, etwas über den November 1923 aus Perspektive des Haupttäters zu erfahren, wird in „Mein Kampf“ nicht befriedigt. Und dennoch gibt es auch Textstellen, in denen politischer Mord konkret angekündigt wird. So wird deutlich gesagt, dass ein künftiger „Nationalgerichtshof“ die „Novemberverbrecher“ von 1918 zum Tode verurteilen und hinrichten müsse. Solche Textstellen haben es in sich, nicht nur in der Rückschau.

  • Ausgehend von Ihrem ersten Leseerlebnis mit dem Buch, haben Sie persönlich heute ein neues Verständnis von der Person Hitlers und seiner Biografie?

Ein völlig neues nicht, aber ein ungleich tieferes. Natürlich waren mir die Grundzüge von Hitlers Biografie zu Projektbeginn bereits bekannt. Dasselbe gilt für den Text von „Mein Kampf“, auch wenn ich ihn vor 2012 noch nicht komplett gelesen hatte. Was mich überrascht hat, war die Breite und Vielfalt der Themen, über die Hitler glaubte, Auskunft geben zu können. Sein anmaßender Anspruch, die ganze Welt erklären zu können, ist umso frappierender, wenn man bedenkt, dass er nie den deutschsprachigen Raum verlassen hat, nimmt man einmal seine Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs aus. Auch die slawischen Reichsteile der Habsburgermonarchie, von denen er wie selbstverständlich spricht, hat er nie kennengelernt. Hier versucht also jemand die Welt zu erklären, der kaum etwas von ihr gesehen hat. So kommt es etwa zu langen Ausführungen zur japanischen Marinegeschichte sowie zum antiken und modernen Städtebau. Seitenlang redet Hitler auch über die Syphilis, ein Thema das ihn offensichtlich beschäftigt hat. Und wem ist heute schon bekannt, dass es in „Mein Kampf“ ein eigenes Kapitel über den Föderalismus gibt und eines zur „Gewerkschaftsfrage“? Ich wusste zu Projektbeginn nicht, dass dies damals so wichtige Fragen für Hitler waren.

  • Man wird Ihren Namen von jetzt an mit dem Titel „Mein Kampf“ in Verbindung bringen. In jedem Bibliothekskatalog wird Thomas Vordermayer unter „Mein Kampf“- Kommentierte Ausgabe stehen. Wie fühlt sich das an?

Wenn mein Name mit der kritischen Edition assoziiert wird, dann ist mir das natürlich sehr recht. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, das wir erarbeitet haben, ein Stück weit auch stolz, zumal angesichts des enormen Zeitdrucks, unter dem wir arbeiten mussten. Die Erleichterung darüber, dass es mit dem Zeitplan geklappt hat, ist sehr groß.

  • Auch die Erleichterung, dass es vorbei ist?

Ja, auch das. Die letzte große kreative Anstrengung war die Einleitung, die wir innerhalb weniger Wochen fertigstellen mussten. Aus dem eher kleinräumigen Rahmen der Kommentierung zurückzufinden in die Vogelperspektive und auf die großen Linien, das war eine anstrengende, aber auch sehr schöne Arbeit.

  • Ich habe versucht mir vorzustellen, ich gehe morgens zur Arbeit und kommentiere Hitlers „Mein Kampf“, das kann sehr anstrengend sein. Gibt es so etwas wie eine ironische Distanz, die Sie im Laufe der Arbeit entwickelt haben?

Nein, eigentlich nicht. Man muss da auch die Kirche im Dorf lassen. Letztendlich scheint es mir sehr viel schwieriger, eine Arbeit emotional zu bewältigen, die sich tagein-tagaus etwa mit dem Holocaust und anderen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Das dürfte ungleich belastender sein als die Kommentierung von „Mein Kampf“.

  • Diese Frage wurde mit Sicherheit schon oft gestellt. Trotzdem interessiert mich Ihre Meinung: Gab es im Verlauf Ihrer Arbeit einen Bezug zu gegenwärtigen Problemen? Gibt es etwa Alarmsignale, die bei Ihnen nun anders schrillen, wenn Sie die Tagespresse lesen?

Natürlich gibt es Überschneidungen. Ein harter Ideologiekern hat in der extremen Rechten bis heute überdauert, nicht nur wenn man an die rigide Xenophobie und den Rassismus denkt. Auch die pauschale Verunglimpfung der Presse als „Lügenpresse“ wäre hier zu nennen. Synonym dazu ist bei Hitler immer wieder von der „Judenpresse“ die Rede, die ausschließlich Lügen verbreite und der man grundsätzlich nicht trauen darf. Zu denken ist auch an die Figur des feigen bürgerlichen Politikers, der sich nicht traut, durchzugreifen. Hitler beschwört sie in „Mein Kampf“ permanent. Dasselbe gilt für den Vorwurf an gemäßigte und linke Politiker, die Nation verraten zu haben und die daher beseitigt werden müssten. Wenn man dann an den Galgen der Pegida-Demonstration denkt, muss man die Frage nach der Aktualität von „Mein Kampf“ schon ernst nehmen. Dennoch: „Mein Kampf“ wurde vor neunzig Jahren in einem vollkommen anderen historischen Kontext geschrieben. Man sollte sich daher vor allzu einfachen Verbindungen hüten. Gegenwartsbezüge spielen in der Edition auch keine Rolle, das wäre ein falsches Signal. „Mein Kampf“ ist in erster Linie als historische Quelle zu behandeln.

  • …das ist klar. Aber Sie sind nicht nur Historiker sondern auch Staatsbürger.

Nun, die rigiden Islamfeinde unserer Gegenwart finden in „Mein Kampf“ keine Munition, das ist kein Thema. Fremdenhass dagegen spricht freilich aus jeder Zeile, ähnliches gilt für die extreme Gewaltbereitschaft. Wer politische Texte aus dem Umfeld der NPD mit denen des historischen Nationalsozialismus aus der „Kampfzeit“ vergleicht, wird auf einige frappierende Überschneidungen stoßen.

  • Ich erinnere mich an eine Schlagzeile des Tagesspiegel vom Oktober 2015, die lautete: Er ist wieder da. Zu sehen war ein Bild des Hitler-Darstellers aus dem gleichnamigen Film auf dem Titelfoto. Die erste Überschrift darunter lautete „Flüchtlingskrise ist Chefsache“. Der Tagesspiegel musste sich dafür entschuldigen. Eine Frage, die sich angesichts dieser Gedankenlosigkeit stellt und die schon geraume Zeit diskutiert wird: Können, dürfen, sollten wir inzwischen über Hitler lachen? Was meinen Sie dazu?

Natürlich gibt es in „Mein Kampf“ Textstellen, die unfreiwillig komisch sind. Etwa dann, wenn sich Hitler detailliert über Dinge auslässt, von denen er nachweislich keine Ahnung hat. Die vielen sprachlich missratenen Formulierungen tun ihr Übriges. Ich denke, das unfreiwillig Komische ist hier evident, auch wenn es grundfalsch wäre, Hitlers Text als eine Ansammlung singulärer Stilblüten oder lächerlicher Aussagen zu begreifen und damit abzutun. Das wäre zu billig. Diese Unterschätzung begleitet von Anbeginn die Geschichte des Nationalsozialismus. Außerdem bleibt einem beim Lesen das Lachen sehr bald im Halse stecken, zumal mit dem Wissen der Nachgeborenen. Hitlers Ankündigungen und Absichtserklärungen in „Mein Kampf“ beschränken sich ja nicht nur auf den unbedingten, völlig offen formulierten Willen zum Krieg gegen Russland. Wer genau liest, findet etwa auch Passagen, in denen Hitler systematische Zwangssterilisationen fordert, sich positiv zur Kinder-„Euthanasie“ äußert sowie Passagen, die auf Bestimmungen der späteren „Nürnberger Gesetze“ vorausdeuten.

Kontakt

Simone Paulmichl
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ)
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Marion Schlöttke
Öffentlichkeitsarbeit
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